
Alles beginnt mit der Perspektive. Tragisch sind nicht die Fehler, die wir in der Vergangenheit gemacht haben. Tragisch ist, dass wir aufgehört haben, es noch einmal zu versuchen. Weil wir Angst davor haben, erneut Fehler zu machen.
Tragisch ist auch das Warten auf den perfekten Moment. Auf das Gefühl, dass irgendwann in der Zukunft alles perfekt sein wird und wir erst dann den ersten Schritt machen können. Die gute Nachricht ist: Es gibt einen Weg, der uns aus den Gedankenschleifen und aus dem Warten herausführt. Es ist das Erkennen und Verändern unserer Perspektive auf das, was wir erlebt haben und was wir über uns selbst glauben.

Wir glauben, vieles zu wissen. Und nur zu gerne werden wir darin bestätigt, dass das, was wir scheinbar wissen, auch stimmt. Und so passiert es, dass negative Glaubenssätze uns sehr, sehr lange begleiten und sich durch die selbsterfüllende Prophezeiung immer wieder bewahrheiten. Selbst wenn wir erleben, dass sich ein Glaubenssatz über uns nicht bestätigt und wir erfolgreich in einem Bereich sind, tun wir diese Situation als Zufall oder als Ausnahme ab: Kann doch gar nicht sein, dass ich gut in Mathe bin. Hat mir mein Mathelehrer doch schon in der zweiten Klasse gesagt, dass ich eben Nachhilfeunterricht brauche. Zum Glück gibt es Möglichkeiten, sich von solchen Glaubenssätzen zu verabschieden.

Bei der Glaubenssatzarbeit (Belief Work) in der NLP (Neurolinguistische Programmierung) sucht man zu jedem negativen Glaubenssatz etwa sieben positive Beispiele, die das Gegenteil beweisen. Hinter vielen Glaubenssätzen steckt der Kernglaubenssatz: Ich bin nicht gut genug. Also gehst du hin und schreibst auf, wann du schon einmal gut genug warst. Manchmal sind es vielleicht nur scheinbar kleine Erfolge, die dir einfallen, oder die Stimme in dir ist noch ganz leise und vorsichtig. Sie erzählt dir aus deiner Sicht banale Geschichten, wie du damals für alle gekocht hast und es allen geschmeckt hat. Oder wie du einen Witz erzählt hast und alle gelacht haben. Vielleicht bist du dir auch noch total unsicher, was andere über dich denken, und dir fällt zunächst nur ein, wie du dich nach einem langen Spaziergang einfach gut genug gefühlt hast, ohne zu leisten, ohne dass jemand dabei war.
Wichtig bei dieser Übung ist nur, dass du deine negativen Glaubenssätze erkennst, um zukünftig sagen zu können: Ah, da bist du wieder. Willst du mir wieder sagen, dass ich nicht gut genug bin? Okay, aber ich weiss inzwischen, dass es Situationen in meinem Leben gab, in denen ich diese eine Sache gut genug gemacht habe.

Von John Steinbeck (1902–1968), einem amerikanischen Schriftsteller, stammt der Satz: «Jetzt, wo ich nicht mehr perfekt sein muss, kann ich gut sein.» Dieser Satz hat mich vor ein paar Jahren beim Überwinden meines eigenen Perfektionismus, inspiriert. Ein wichtiger Grund, warum wir oft im Status quo verharren, anstatt die ersten Schritte zu machen, ist Perfektionismus.
Das Bild von der perfekten Website, dem perfekten ersten Kunden, dem perfekt eingerichteten Büro, einer Familie, die einen immer wohlwollend begleitet und unterstützt. Die perfekte Arbeit, die wir abliefern und natürlich sehen wir dabei auch noch perfekt und erholt aus. In der Realität ist das sehr selten bis gar nicht der Fall. Klar, wir können noch härter arbeiten, uns noch mehr Gedanken über den nächsten perfekten Schritt machen und uns nach aussen perfekt gebügelt, gefeilt, gepudert und gefärbt präsentieren. Oder wir können einfach mal annehmen, dass es Perfektion nicht gibt und das Leben uns immer vor kleinere oder grössere Herausforderungen stellen wird. In Zeiten von KI wirkt Perfektion auf mich fast schon lästig. Alle Texte sind perfekt, glatt, richtig und logisch. Alle Bilder sind ohne Makel. Keine Falten, keine Schweissperlen, keine Mücken, kein Staubkörnchen.
Aber ist das denn lebenswert? Ist das Leben nicht schon in sich perfekt, weil es eben nicht perfekt ist? Was wäre, wenn wir und alles um uns herum perfekt wären? Dann wären wir fertig. Es gäbe nichts mehr zu tun, nichts mehr zu erreichen, zu erträumen, zu wagen. Nichts, das uns bewegt, stört, hinschauen lässt, einen Arschtritt verpasst. Kein Jubel, weil wir etwas überwunden haben, keine Tränen, weil wir gerade über unser eigenes Wachstum berührt sind. Keine Regungen, keine Bewegung, nichts, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Wie langweilig!
Tatsächlich ist auf unserer Erde heute so einiges los, was alles andere als langweilig ist. Gefühlt schauen wir seit über zehn Jahren in die Nachrichten und denken immer wieder: So schlimm! Schlimmer kann es ja nicht werden. Aber es kommt schlimmer. Wir werden gerade ziemlich aufgerüttelt und das ist aus evolutionärer Perspektive auch gut so. Kein anderes Wesen ist fähig, seine Visionen langfristig in Taten umzusetzen, kein anderes ist so anpassungsfähig wie der Mensch. Und nie haben wir uns angepasst und weiterentwickelt, weil alles schon perfekt war. Wir haben uns immer dann entwickelt, wenn unsere bisherigen Muster nicht mehr funktionierten. Gerald Hüther (1951–), ein deutscher Neurobiologe und Hirnforscher, sagt: Wenn unsere bisherigen Denk- und Verhaltensmuster nicht mehr funktionieren – also Inkohärenz entsteht – gerät das Gehirn in einen Zustand der Verunsicherung. Und genau das ist die Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung, weil das Gehirn dann gezwungen ist, neue Verbindungen zu knüpfen.

Aus dieser Perspektive betrachtet, kannst du dich eigentlich schon jetzt darauf freuen, wenn wieder etwas schiefläuft. Denn dann hast du die Möglichkeit zu wachsen, weil du gezwungen bist, einen anderen Weg zu gehen und Neues auszuprobieren. Allein schon dieser Perspektivwechsel lässt mich augenblicklich ein bisschen mehr in mir ruhen. Ich denke, dass sich viele von uns mit dem Streben nach Harmonie und Perfektion bisher mehr Stress gemacht haben als nötig. Denn das Leben sorgt schon dafür, dass alles perfekt ist. Perfekt in dem Sinne, dass es will, dass du dich auf den Weg machst und deine Schritte weitergehst, anstatt zu verharren, eingelullt in künstlicher Harmonie, und dir einzureden, du wüsstest, dass das Leben nun mal so ist.
Liebe Grüsse
Sabrina